DACHS-Projekt: Ergotherapie 2010“ abgeschlossen
Gesundheitsförderung und Prävention – zukünftige Aspekte der Ergotherapie?
Am 11. Juni 2007 wurde in Bozen das DACHS-Projekt „Ergotherapie 2010“ offiziell mit einer Pressekonferenz abgeschlossen. Im Rahmen dieses Projektes entstand unter anderem eine Broschüre über Ergotherapie, welche die Aspekte der Gesundheitsförderung und Prävention als mögliche Leistungsgebiete der Ergotherapie aufzeigt. Diese Aspekte wurden in eine aktualisierte Definition der Ergotherapie aufgenommen. Das Projekt zeigt: Wollen wir in der Ergotherapie in Zukunft in der Gesundheitsförderung und Prävention tätig werden, brauchen wir eine Erweiterung unseres Selbstverständnisses.
Die Ergotherapie sieht sich im gesamten deutschsprachigen Raum mit ähnlichen gesundheits- und berufspolitischen Herausforderungen konfrontiert. Die ökonomischen und strukturellen Veränderungen des Gesundheits- und Sozialsystems sind für die Berufsangehörigen deutlich spürbar: Knapper werdende finanzielle Ressourcen, Auslagerung von Leistungen in den ambulanten Bereich, demografische Entwicklungen wie die Zunahme des Anteils älterer Menschen an der Bevölkerung und die absehbar längere Zeit der Erwerbstätigkeit, die Zunahme an chronischen Erkrankungen sowie die steigende Zahl von Migranten stellen neue Anforderungen an die Gesellschaft. Gesundheitsförderung und Primärprävention gewinnen zunehmend an Bedeutung, so auch in der Ergotherapie. Bisher liegt jedoch der Schwerpunkt der ergotherapeutischen Arbeit im deutschsprachigen Raum in den Bereichen Akutbehandlung/Rehabilitation sowie Sekundär- und Tertiärprävention.
Deshalb begannen die Berufsverbände von Deutschland, Österreich und der Schweiz und Vertreterinnen aus Südtirol 2004, länderübergreifend zu kooperieren und Überlegungen zum Entwicklungspotenzial des ergotherapeutischen Leistungsangebotes anzustellen. Es wurde gemeinsam ein Projekt zur Weiterentwicklung der Ergotherapie im deutschsprachigen Raum initiiert, um auf die gesellschaftlichen Veränderungen und Perspektiven professionell und zukunftsweisend zu antworten.
Unter dem Titel „Ergotherapie 2010 - Weiterentwicklung des Berufes und der Ausbildung im Bereich der Ergotherapie insbesondere in Bezug auf Gesundheitsförderung und Prävention unter Berücksichtigung von Arbeitsmarkt und Berufsbefähigung (employability)“ startete das so genannte „DACHS-Projekt“ im Dezember 2005. Es wurde finanziert durch den Europäischen Sozialfond (ESF), Projektantragsteller war die Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana in Bozen. „DACHS“ wird als Kurzname für das gesamte Projekt verwendet und leitet sich aus den Bezeichnungen der beteiligten Länder ab: Deutschland, Austria, Schweiz, Südtirol.
Als Resultate dieses Projektes entstanden u.a.:
– Eine zukunftsgerichtete Beschreibung der Ergotherapie in Form einer Broschüre mit dem Titel „Ergotherapie, was bietet sie heute und in Zukunft?“ , – Empfehlungen für die Aus-, Fort- Weiterbildung und Forschung im Hinblick auf Gesundheitsförderung und Prävention, – Massnahmenpläne für die Umsetzung der Projekt-Resultate durch die Berufsverbände der beteiligten Länder.
Ausgangspunkt der gesamten Überlegungen im DACHS-Projekt war die Überzeugung, dass Ergotherapie schon in ihrem historischen Kern Ansätze für Gesundheitsförderung/Prävention enthält und dass auch moderne Mittel und Methoden der Ergotherapie in der Gesundheitsförderung/Prävention anwendbar sind. Es ging in weiten Strecken des Projektes darum, diesen Kern herauszuschälen.
Nachdem in der zweiten Phase eine Definition und eine ausführliche Beschreibung der Ergotherapie entstanden waren, ging es in der dritten und vierten Phase des Projektes darum, Grundlagen für die Umsetzung dieser Ansätze in der Aus- und Weiterbildung und der berufspolitischen Arbeit zu erstellen.
Phase 3: Empfehlungen für die Aus-, Fort-, Weiterbildung und Forschung
Will die Ergotherapie in Zukunft ihre Angebote auch auf die Gesundheitsförderung und Primärprävention ausdehnen, muss sie ihr Fachwissen und ihre Methoden auf die Anforderung von Gesundheitsförderung und Prävention anwenden lernen. Der Kern der Ergotherapie, die Fokussierung auf die Handlungsfähigkeit eines Menschen in seiner Umwelt, auf seine Partizipation und Lebensqualität, bleibt dabei nicht nur unangetastet, sondern bildet geradezu die ideale Ausgangslage zur Einlösung dieser Forderung. Eine Erweiterung des Angebotsspektrums der Ergotherapie erfordert eine entsprechende Vorbereitung in der Ausbildung, Angebote in der Fort- und Weiterbildung und Grundlagenarbeit in der Forschung. Ausgehend von einer Analyse vorhandener Curricula, Ausbildungsstandards und Kompetenzprofilen auf europäischer Ebene, sowie eines Vergleichs mit der Beschreibung der Ergotherapie aus Phase 2 wurde eine Liste von Kompetenzen erarbeitet. Diese Kompetenzen sind aus Sicht des DACHS-Projektteams notwendig, wenn eine Ergotherapeutin Angebote in Gesundheitsförderung und Prävention aufbauen will. Die aufgeführten Kompetenzen sind als Lernziele formuliert und den Bereichen Grundlagen, ergotherapeutische Diagnostik und Intervention zugeordnet.
Ergänzend dazu wurden „Generelle DACHS-Empfehlungen in Bezug auf Ausbildung, Fort- und Weiterbildung sowie Forschung“ erstellt. Darin wird angeregt, die Kompetenzen für Ergotherapie in Gesundheitsförderung und Prävention in die Grundausbildungs-Curricula einzuarbeiten. Eine weitere Vertiefung und Differenzierung soll über entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote ermöglicht werden.
Außerdem wird empfohlen, in Forschungsprojekten sowohl die Wirksamkeit der Ergotherapie in Gesundheitsförderung und Prävention aufzuzeigen, als auch entsprechende standardisierte und validierte ergotherapeutische Diagnostikinstrumente zu entwickeln.
Phase 4: länderspezifische Maßnahmenpläne
In dieser letzten Projektphase wurden aus den bisher erarbeiteten Ergebnissen konkrete länderspezifische Maßnahmenpläne erarbeitet und länderübergreifende Aktivitäten geplant.
Folgende Ziele sollen mit Hilfe der vorgeschlagenen Maßnahmen über den Projektabschluss hinaus weiter verfolgt werden: Frisch ausgebildete Ergotherapeutinnen verfügen über grundlegende Kompetenzen bezüglich Gesundheitsförderung und Prävention. Berufstätige Ergotherapeutinnen werden für Gesundheitsförderung und Prävention sensibilisiert und dazu befähigt, Angebote in diesem Bereich aufzubauen oder sich in diesem Bereich zu spezialisieren. Die Berufsverbände der DACHS-Länder werden aktiviert und befähigt, die Resultate des Projektes umzusetzen. Entscheidungsträger werden sensibilisiert für die Angebote der Ergotherapie, insbesondere in den Bereichen Gesundheitsförderung und Prävention. Die Öffentlichkeitsarbeit wird verstärkt: Ergotherapie und ihr Potential in „breiter Öffentlichkeit“ und gegenüber potentiellen Klienten bekannt gemacht.
Jede beteiligte Region hat auf diese Ziele hin Maßnahmen formuliert und mit einem Zeitraster hinterlegt. Dabei wurden nicht nur die länderspezifischen Gegebenheiten berücksichtigt sondern auch die organisatorischen und personellen Möglichkeiten der Berufsverbände.
Folgende länderübergreifenden Aktivitäten sind geplant:
• Homepage DACHS-Projekt: Die beteiligten Berufsverbände richten auf ihrer Homepage eine Rubrik Gesundheitsförderung/Prävention ein. Ein Teil dieser Seite wird für alle beteiligten Länder gleich gestaltet und zeigt die Resultate des DACHS-Projektes. Ergänzt wird dies durch länderspezifische Veröffentlichungen, Informationen und Präsentationen • Deutschsprachige Tagung: 2010 soll ein deutschsprachiger Kongress zum Thema Gesundheitsförderung und Prävention in der Ergotherapie stattfinden. • Einbringen des Themas Gesundheitsförderung/Prävention in die ENOTHE • Entwicklung eines Posters mit den Projektergebnissen zur Präsentation an verschiedenen Kongressen • Artikelserie zum Thema Gesundheitsförderung und Prävention • Erstellung eines „Referenten-Pools“ (Liste von ReferentInnen, welche für Kurse, Weiterbildungsangebote usw. angefragt werden können).
Das Projekt ist abgeschlossen – nun beginnt die Umsetzung
Die große Herausforderung wird es nun sein, die DACHS-Resultate im Laufe der kommenden Jahre Realität werden zu lassen. Dabei geht es nicht nur um Öffentlichkeitsarbeit, sondern um eine Erweiterung des Selbstverständnisses von uns Ergotherapeutinnen. Die Umsetzung und Schaffung neuer Tätigkeitsfelder kann dann gelingen, wenn wir selbst davon überzeugt sind, dass Ergotherapie einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung und Primärprävention zu leisten hat und wenn wir beschreiben können, wie wir dies tun.
Dieser Prozess benötigt eine breite Kommunikation und viel Bereitschaft zur Diskussion. Die DACHS-Resultate werden daher bei verschiedenen Gelegenheiten kommuniziert (z.B. an Kongressen, gegenüber internationalen Verbänden wie COTEC, WFOT, ENOTHE) und diskutiert (z.B. an Versammlungen, mit Ausbildungsverantwortlichen, innerhalb der Berufsverbände).
Wenn uns die Erweiterung gelingt, wenn Gesundheitsförderung und Primärprävention Teil unserer Berufsidentität werden, dann kann dies allen einen Nutzen bringen: unseren Klienten, der einzelnen Ergotherapeutin, der Ergotherapie als Berufstand, und dem Gesundheitssystem als Ganzes.
Bozen, Ende Juni 2007
Für Fragen steht Ihnen die Projektleiterin gerne zur Verfügung: Brigitte Fleitz: brigitte.fleitz@claudiana.bz.it
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