Familienzentrierte Pflege

Ein Innovationsprojekt zum Ausbau der Pflegequalität mit Evaluationsstudie zur Implementierung der Familienzentrierten Pflege in die Pflegepraxis der Gesundheitssprengel

 

Projektname

Familienzentrierte Pflege. Ein Innovationsprojekt zum Ausbau der Pflegequalität mit Evaluationsstudie zur Implementierung der Familienzentrierten Pflege in die Pflegepraxis der Gesundheitssprengel

Projektleitung

M. Luisa Cavada

Projektteam

M. Luisa Cavada, Barbara Preusse-Bleuler, Renate Klotz, Caterina Grandi Messerschmidt, Chiara Muzzana, Dietmar Ausserhofer, Waltraud Mair, Fabio Vittadello

Projektpartner

Claudiana, Azienda Sanitaria dell'Alto Adige

Laufzeit

01/12/2017 – 30/11/2019

 

Projektbeschreibung

Hintergrund

Familienzentrierte Pflege – Bedeutung

Aus der Forschung (Kaakinen, Harmon Hanson, Gedaly-Duff, &  Shirley, 2014), wie auch aus der praktischen Erfahrung ist bekannt, dass die Arbeit des Fachpersonals effektiver wird, wenn sie sich nicht nur an den Betreuten alleine richtet, sondern die Familie mit ins Zentrum ihrer Arbeit stellt. Familienzentriertes Pflegen, Betreuen und Behandeln auf der Basis eines systemischen Ansatzes führt zu besseren Outcomes bezüglich des Symptommanagements beim Betreuten und reduziert unnötige Rehospitalisationen (Kaakinen, Harmon Hanson, Gedaly-Duff, &  Shirley, 2014; Wright, & Leahey, 2014; Weihs, Fisher, & Baird, 2002). Im gleichen Zug werden auch die Belastungen der pflegenden Angehörigen gemindert. Damit wird die Gesundheit der Familie als Ganzes gefördert und die Morbiditäts- und Mortalitätsrate gesenkt.

Diese Erkenntnisse haben Eingang gefunden in formulierten Strategien der WHO, insbesondere in Europa werden mit der WHO Deklaration von München 2000 die Regierungen und Gesundheitsdienstleister aufgefordert Rahmenbedingungen zu schaffen für eine gemeinde- bzw. wohnortnahe Familiengesundheitspflege (WHO, 2000).

Mit dem Internationalen Council of Nurses (ICN) haben Schober und Affara (2001) ein Rahmenkonzept für die Praxis der Family Nurse ausgearbeitet. Verschiedene europäische Länder oder Regionen haben in der Folge Ausbildungs- und Praxisprojekte lanciert.

In Südtirol ist mit dem Spezialisierungslehrgang für Familien- und Gemeinschaftskrankenpfleger/innen an der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“ eine umfassende Spezialisierung für Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger in den Gesundheitssprengeln geschaffen worden, welche dem Rahmenkonzept des ICN und der WHO entspricht.

Dieser Spezialisierungslehrgang bewirkt eine dringend notwendige Aufwertung und Anerkennung dieser relevanten Arbeit in der wohnortnahen Versorgung und erweitert die Kompetenzen der Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger von einer personen- hin zu einer familienzentrierten Pflege.

Was ist Familienzentrierte- Pflege?

Die Familienzentrierte Pflege versteht den Betreuten mit seiner Familie als System und arbeitet entsprechend dem systemischen, lösungsorientierten Ansatz. Die familienzentrierte Pflege beinhaltet das von Wright und Leahey entwickelte Calgary Familien Assessment und Interventionsmodell. Seit nun mehr als 30 Jahren ist das Calgary Familien Modell in Lehre, Forschung und Praxis erprobt und in sieben Sprachen übersetzt.

Die Erfahrungen der Studierenden der ersten Kohorte (2014 – 2017) des Spezialisierungslehrgangs an der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“ sprechen eine eindeutige Sprache.

Die Studierenden haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit dem Rüstzeug des Lehrganges der Komplexität in der Zusammenarbeit mit den Betreuten und Familien in herausfordernden Situationen besser gewachsen sind. Sie fühlen sich nicht mehr hilflos oder überfordert, denn potentielle Schwierigkeiten und Krisen werden auf der Basis eines vertrauensvollen Beziehungsaufbaus mit der Familie früher erfasst. Auch werden mit Fachkompetenz, Geduld und Ausdauer nachhaltige Lösungen gefunden. In dieser Art und Weise bereitet die Arbeit den Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern Bereicherung, Genugtuung und Freude: die beste Prophylaxe gegen Burn-out und Fluktuation bei Fachpersonal.

Woher kommt das Calgary Assessment- und Interventionsmodell?

Das Modell wurde von Wright und Leahey im Rahmen ihrer über 30jährigen Praxis- und Forschungserfahrung erarbeitet und kontinuierlich weiterentwickelt. Lorraine Wright gründete und führte die Family Nursing Unit an der Universität von Calgary, Kanada. Die erste englischsprachige Auflage erschien 1984 und ist unterdessen 2014 bereits in der sechsten Auflage erschienen. 2009 und 2014 erschien dann das Lehrbuch in erster und zweiter deutschsprachiger Auflage. In ihrem Lehrbuch beschreiben die renommierten, kanadischen Expertinnen wie die Bedürfnisse von Familien und Familiensystemen erhoben, wann welche Interventionen in der Familienzentrierten Pflege erforderlich sind und wie sie durchgeführt werden. Sie veranschaulichen konkret mit welcher Haltung, mit welchen Leitlinien und mit welchen Instrumenten Familien kompetent und nachhaltig begleitet werden können.

Das Calgary Assessment und Interventionsmodell verknüpft theoretische Grundlagen, Forschungsergebnisse und Expertenwissen. Die theoretischen Grundlagen beinhalten die Systemtheorie, die systemische Therapie, die Kybernetik, die Kognitionsbiologie, die Kommunikationstheorie und die Change Theory. Mit jeder neuen Auflage wurden nach und nach die aktuellen Forschungsergebnisse zum Verständnis von Erkrankung und Familie einbezogen. Zudem floss das sich ständig weiter entwickelnde Know-how der familienzentrierten Pflegepraxis mit ein. Es bildet somit eines der theoretisch, wie auch forschungsbezogen fundiertesten Wissensgrundlagen, das die Bedeutung der Zusammenarbeit von Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern und Familien erörtert und darlegt, wie in der Interaktion krankheitsbedingtes Leiden verringert oder gelindert werden kann (Preusse-Bleuler, & Métrailler, 2012).

Zielsetzung

Das Innovationsprojekt zur Implementierung der systemischen Familienzentrierten Pflege verfolgt das Ziel die Kompetenzen der in der wohnortnahen Versorgung tätigen Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger zu erweitern und das bestehende Versorgungsnetz, insbesondere für ältere Menschen über 65 Jahren auszubauen.

Die Familienzentrierte Pflege wird vorerst in einem der zwanzig Gesundheitssprengel des Südtiroler Sanitätsbetriebes pilotiert. Im Zuge der Implementierung wird eine Evaluationsstudie durchgeführt, um folgende Fragestellungen beantworten zu können:

- Wie unterstützt die gewählte Wissenstransfer Strategie die Translation des Wissens zur systemischen Familienzentrierten Pflege in die klinische Pflegepraxis des Pilotsprengels und wie beeinflusst er die interprofessionelle Praxis?

- Wie nehmen die über 65jährigen Einwohnerinnen und Einwohner der Pilotgemeinde den systemischen Familienzentrierten Ansatz war, welchen Nutzen des Organisationsmodells nehmen sie wahr und welche Wirkung hat der Ansatz auf die Lebensqualität der Zielgruppe?

Die spezifischen Ziele der Evaluationsstudie liegen darin:

- den Implementierungsprozess zu beschreiben, der die Translation des Wissens zur familienzentrierten Pflege in die klinische Praxis erleichtert und die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger darin unterstützt die Schlüsselelemente der Familienzentrierten Pflege zu übernehmen und sie nachhaltig umzusetzen;

- die Kontextfaktoren zu benennen und zu verstehen, die die Translation des Wissens zur Familienzentrierten Pflege in die klinische Praxis erleichtern oder erschweren;

- zu beschreiben, wie die Familienzentrierte Pflege die interprofessionelle Praxis beeinflusst;

- zu beschreiben, wie die Familienzentrierte Pflege von den über 65jährigen und deren Familien wahrgenommen wird und welchen subjektiven Nutzen und Wirkung sie erachten;

- zu beschreiben, wie sich die Familienzentrierte Pflege auf die Lebensqualität der über 65jährigen Einwohnerinnen und Einwohner und deren Familien auswirkt.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Evaluationsstudie wird ein praxistaugliches Konzept zur Implementierung der Familienzentrierten Pflege in den restlichen Gesundheitssprengeln des Südtiroler Sanitätsbetriebes definiert.

Design/Methode

Zur Evaluation werden in beiden Forschungsarmen qualitative und quantitative Datenerhebungen- und Analysen durchgeführt.

Interventionen Forschungsarm 1. Translation der Familienzentrierten Pflege in den Praxisalltag des Krankenpflegeteams des Sprengels Unterland.

Teilnehmende: 15 Krankenpflegerinnen, inklusive Koordinatorin und ihre Stellvertreterin des Sprengelteams Unterland.

Intervention: das Konzept zur Translation der Familienzentrierten Pflege in den Praxisalltag des Sprengelteams besteht aus 6 Schulungstagen, dem individuellen Arbeiten mit dem Selbstlern- und Evaluationsinstrument, individuellem Coaching im Praxisalltag während eines Jahres durch eine Family Systems Study Nurse und Fallbesprechungen im Team (zweimal pro Monat).

Datenerhebung: 4 Fokusgruppeninterviews mit den Krankenpflegerinnen und Leitungspersonen zum Start des Translationsprojektes; am ersten und am letzten Schulungstag ein Plenumgespräch zu Erwartungen und Befürchtungen (Fragen im Sinne einer SWOT-Analyse); Fragebogen zur Grundhaltung mit dem Instrument Families Importance in Nursing Care–Nurses’ Attitudes FINC-NA

(Saveman, Benzein, Engström, & Årestedt, 2011) zum Start und nach einem Jahr; Selbstlern- und Evaluationsinstrument; Analyse der Pflegedokumentation bezüglich familienzentrierten Elementen vor der Schulung und nach einem Jahr.

Forschungsarm 2. Familienzentrierte präventive Hausbesuche bei der über 65-jährigen Bevölkerung der Gemeinde Aldein/Radein durch Family Systems Study Nurses.

Teilnemende: 298 Einwohner.

Intervention: die drei Family Systems Study Nurses übernehmen in diesem Forschungsarm eine doppelte Aufgabe, sie erheben Forschungsdaten und führen auch die Intervention durch.

Der jeweils erste Hausbesuch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil werden mittels des Older People’s Quality of Life Questionnaire OPQOL-35 (Bilotta, Bowling, Nicolini,  Casè, Pina, Rossi,  & Vergani, 2011) die Forschungsdaten erhoben und im zweiten Teil wird die eigentliche Intervention durchgeführt, nämlich das familienzentrierte gesundheitsfördernde Assessment- und Beratungsgespräch.

Datenerhebung: der OPQOL-35 Fragebogen wurde ergänzt mit spezifischen soziodemografischen Fragen. Mit Hilfe dieser soziodemografischen Daten wird die statistische Analyse präzisiert werden können. Für die Datenerhebung war entschieden worden, dass die Family Systems Study Nurse den OPQOL-35 Fragebogen mit den Teilnehmenden zusammen ausfüllt. Dies trug sicher dazu bei, dass von allen besuchten Einwohnern über 65 Jahre auch tatsächlich ein ausgefüllter OPQOL-35 Fragebogen für die Forschung vorhanden ist.

Erwarteter Nutzen/Relevanz

Der Nutzen der Familienzentrierten Pflege und des damit verbundenen Innovationsprojektes und der Evaluationsstudie kann wie folgt beschrieben werden.

Die Betreuten und deren Familienmitglieder bzw. deren von ihnen definierte Familienmitglieder fühlen sich in ihren Betreuungsprozess professionell unterstützt und begleitet. Die Familienmitglieder sind aktiv an der Planung der Pflege des Betreuten beteiligt und integriert. Durch die von Seiten der Familien- und Gemeinschaftskrankenpflegerin gegebene Wertschätzung gegenüber den pflegenden Angehörigen und dem Erkennen der Bedürfnisse durch den systemischen Ansatz der Familienzentrierten Pflege fühlen sie sich in ihrer Rolle gestärkt und anerkannt. Die vorhandenen Ressourcen des Betreuten und deren Familie können besser erkannt werden und somit angemessen in der täglichen Pflege integriert werden, dadurch kann die Belastung der pflegenden Angehörigen reduziert und vermindert werden.

Durch die Erhebung der empfundenen Lebensqualität der über 65jährigen Bürger und Bürgerinnen, ob krank oder gesund, können gezielte Maßnahmen zur weiteren Versorgung geplant werden.

 

Bibliografia

Bilotta, C., Bowling, A., Nicolini, P., Casè, A., Pina, G., Rossi, S. V.,  & Vergani, C. (2011). Older People's Quality of Life (OPQOL) scores and adverse health outcomes at a one-year follow-up. A prospective cohort study on older outpatients living in the community in Italy. Health and Quality of Life Outcomes, 5; 9:72. doi. 10.1186/1477-7525-9-72

Kaakinen, J. R., Harmon Hanson, S., M., Gedaly-Duff, V., &  Shirley, M. H.  (2014). Family Health Care Nursing: Theory, Practice, and Research, 5th Edition. Philadelphia, F.A. Davis Company

Preusse-Bleuler, B., & Métrailler, M. (2012). Familienzentrierte Pflege. Handbuch zum Film. Arbeitsinstrument für Familienzentrierte Pflege. Das Calgary Familien Assessment und Interventionsmodell in der Pflegepraxis in Lindenhofspital und Schule, (2nd Aufl.). Bern, Lindenhof Schule

Saveman, B. I., Benzein, E. G., Engström,. Å H., & Årestedt, K. (2011). Refinement and psychometric re-evaluation of the instrument: Families’ Importance in Nursing Care – Nurses’ Attitudes. Journal of Family Nursing, 17(3), 312-329. doi:10.1177/1074840711415074

Schober, M., & Affara, F. (2001). The family nurse: Frameworks for practice. Geneva, Switzerland: International Council of Nurses

Weihs, K., Fisher, L., & Baird, M. (2002). Families, health, and behavior: A section of the commissioned report by the Committee on Health and Behavior: Research, Practice, and Policy Division of Neuroscience and Behavioral Health and Division of Health Promotion and Disease Prevention Institute of Medicine, National Academy of Sciences. Families, Systems, & Health, 20(1), 7-46. doi.org/10.1037/h0089481

WHO. (2000). The family health nurse: context, conceptual framework and curriculum. http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0004/53860/E92341.pdf

Wright, L. M., & Leahey, M. (2014). Familienzentrierte Pflege. Lehrbuch für Familien-Assessment und Interventionen. 2. vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. Hg. von Barbara Preusse-Bleuler. Bern, Switzerland: Huber.