Background

 

Ausbildung in Allgemeinmedizin: für eine bessere Qualität in der Patientenversorgung

Dr. Giuliano Piccoliori
Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin

WONCA, die Weltorganisation der Allgemeinmediziner, schreibt in ihrer Einführung zur Definition der Allgemeinmedizin folgendes: 
Die Allgemeinmedizin ist eine akademische und wissenschaftliche Disziplin mit eigenen Lehrinhalten, eigener Forschung, eigener Nachweisbasis und einer eigenständigen klinischen Tätigkeit; als klinisches Spezialgebiet ist sie auf die Primärversorgung ausgerichtet. Die Allgemeinmedizin ist somit nach WONCA eine medizinische Disziplin, die den anderen medizinischen Disziplinen gleichgesetzt ist. Sie hat ihren eigenen theoretischen Aufbau, einen Aufbau von Kenntnissen, Kompetenzen und besonderen spezifischen Inhalten.

Es kann nicht anders sein, wenn wir auf die Berufskennzeichen des Allgemeinmediziners schauen: Schließlich erfüllt der Allgemeinarzt im sanitären System eine ganz zentrale Rolle. Für den Bürger ist er die erste Kontakt- und Bezugsperson, um für jedes Problem der Gesundheit, ohne jeglicher Geschlechts- und Altersbeschränkung, eine Antwort zu geben. Er ist der Arzt der Person, des Individuums, der Familie und ihres Umfelds. Sein Zugang zu Gesundheitsproblemen ist ganzheitlich bzw. bio-psycho-sozial.

Der Allgemeinarzt fungiert als Gesundheitsberater, Koordinator und „Tutor“ der Gesundheit des Bürgers, Zudem übernimmt er individuelle und kollektive Präventionsaufgaben, indem er medizinische Interventionen zur Förderung der Gesundheit und zur Prävention der Entstehung von Krankheiten und zu ihrer frühzeitigen Erkennung unternimmt.

Der erste Grund für die Verbesserung der Betreuungsqualität durch die spezifische Ausbildung in Allgemeinmedizin scheint somit offensichtlich: der zukünftige Allgemeinmediziner wird spezifisch auf seinen komplexen Beruf vorbereitet – eine gut fundierte Ausbildung wird eine gute medizinische Betreuungsleistung gewährleisten.

Es gibt jedoch auch noch andere Gründe, warum die spezifische Fachausbildung zu einer besseren medizinischen Patientenversorgung führen kann. Die Ausarbeitung eines Bildungsganges erfordert eine detaillierte Bestimmung und Formulierung der Aufgaben, Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten des Allgemeinmediziners. Zudem ist eine Definition der Arbeitsmethode der Allgemeinmedizin notwendig, die es dem Allgemeinmediziner ermöglicht, seine Arbeitsleistung dem medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritt anzupassen.

Zum Schluss ist ein letzter Aspekt zu berücksichtigen: Einer der kritischen Punkte in unserem Gesundheitssystem, der natürlicherweise auch in jedem Sozialstaat vorkommt, ist das Verhältnis zwischen Krankenhaus und Territorium, also zwischen Krankenhausärzten und Hausärzten.

Zur Trennung zwischen „Medizin unter dem Volk“ und „Medizin zwischen den Wänden des Krankenhauses“ kam es bereits zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, als langsam die Humanmedizin, ars medica, zur Wissenschaft wurde, aus der Disziplin der Humanwissenschaft die Naturwissenschaftliche Disziplin oder technisch-wissenschaftliche Disziplin hervorging. Vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts, zur Zeit des wissenschaftlichen Positivismus, entwickelte sich eine immer mechanischere und organischere Perspektive des menschlichen Körpers. Diese medizinische Entwicklung förderte so die speziellen medizinischen Fachgebiete in diesem Bereich, was gleichzeitig dazu führte, dass dadurch aber die humanistische Komponente der Medizin in den Hintergrund gestellt wurde.

Diese Spaltung löste ein unbeständig unkoordiniertes, schwieriges, manchmal sogar konfliktreiches Verhältnis zwischen Krankenhausärzten und Hausärzten aus. Auch hier kann sich die Mitarbeit der Krankenhausärzte sowohl als Tutor als auch als Dozenten für den theoretischen Teil sicherlich nur positiv auf die Integration Krankenhaus-Territorium auswirken..

Abschließend können wir nur unsere Überzeugung unterstreichen, dass eine gut strukturierte spezifische Fachausbildung, welche nicht nur das Wissen, aber auch das Sein und das Können vermittelt, den künftigen Allgemeinmediziner schult, den komplexen und weiten Bereich der Gesundheitsprobleme entweder autonom oder in Zusammenarbeit mit anderen Strukturen oder Personen des Gesundheitssystems behandeln zu können. Dazu gehören Krankenpflegepersonal, die Sanitätsassistenten und Krankenhausärzte, welche das Territorium sowie das Krankenhaus für eine Weiterentwicklung in der internen Praxis der Allgemeinmedizin fördern. Auf diese Weise werden die Qualität der primären Fürsorge und die Wahrnehmung der Gesundheit der ganzen Bevölkerung verbessert.